Die 7 Kardinaltugenden, die Freimaurerei und ein gelingendes Leben

Die 7 Kardinaltugenden, die Freimaurerei und ein gelingendes Leben

Emancipate yourselves from mental slavery; None but ourselves can free our mind..

Bob Marley -Redemption Song

Die sieben Kardinaltugenden stammen aus der antiken griechischen Philosophie und wurden später von der christlichen Kirche übernommen.

  • Weisheit: Sie ist oft mit klugem Denken und Entscheidungen verbunden. Sokrates, ein berühmter griechischer Philosoph, betrachtete Weisheit als die höchste Tugend.
  • Gerechtigkeit: Diese Tugend bezieht sich auf die Fähigkeit, Faire und überlegte Entscheidungen zu treffen, und ist stets mit einem Interesse an Fairness und Gleichheit verbunden.
  • Mäßigung: Mäßigung ist die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren und Ausgewogenheit in allen Lebensbereichen zu gewährleisten.
  • Tapferkeit: Auch als Mut bekannt, bezieht sich auf die Fähigkeit, schwierige Situationen mit Entschlossenheit und Stärke zu bewältigen.
  • Glaube: Es ist nicht nur religiös, sondern kann auch als Vertrauen in die Zukunft und in das Gute in der Welt interpretiert werden.
  • Hoffnung: Dieser Tugend geht es um Optimismus, Ausdauer und das Streben nach positiven Ergebnissen, selbst in schwierigen Zeiten.
  • Liebe: Sie repräsentiert das Bedürfnis und die Fähigkeit, Mitgefühl, Respekt und Fürsorge für andere zu zeigen. Es geht auch darum, zu geben ohne Erwartungen zu wecken.

Die ersten vier Tugenden dieser Liste wurden erstmals von Platon und Aristoteles als die vier Kardinaltugenden definiert: Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit.

Platon

Bild von Vicki Hamilton auf Pixabay

Die Vorstellungen von Tugenden aus der Antike wurden von christlichen Denkern wie Ambrosius, Hieronymus, Augustinus, Beda und Rabanus Maurus aufgegriffen und in ihre Auslegung der Bibel eingebaut.

Im 4. Jahrhundert schrieb Ambrosius von Mailand ein Werk über die Pflichten christlicher Amtsträger (De officiis ministrorum), in dem er sich mit den Ideen des römischen Philosophen Cicero auseinandersetzte. Dabei verwendete er erstmals den Begriff „Kardinaltugenden“ (virtutes cardinales), sprach aber häufiger von „Haupttugenden“ (virtutes principales). Außerdem übernahm er von Philo die Vorstellung, dass die vier Flüsse des Paradieses symbolisch für vier zentrale Tugenden stehen.

Später entwickelte Thomas von Aquin im Rahmen seiner christlichen Morallehre eine systematische Tugendlehre. Er beschrieb die Kardinaltugenden als eine Art Angelpunkt, an dem alle anderen Tugenden hängen – ähnlich wie eine Tür, die sich um ihre Angel dreht. Seine Aussage dazu lautet:
„Eine Tugend heißt Kardinal- bzw. Haupttugend, weil an ihr die anderen Tugenden befestigt sind wie die Tür in der Angel.“
Er definierte die Tugenden als göttliche Gaben, die es dem Menschen ermöglichen, ein tugendhaftes Leben zu führen. Die Tugenden wurden als grundlegende Prinzipien angesehen, die den Menschen helfen, ein moralisches Leben zu führen und in Einklang mit Gott und der Natur zu leben.
In der Epoche der Aufklärung vertrat Immanuel Kant eine sehr klare Haltung: Für ihn gibt es nur eine wirklich grundlegende Tugend – den guten Willen. Er meinte, dass nichts auf der Welt uneingeschränkt als gut gelten könne, außer einem guten Willen. Fehlt dieser, können alle anderen Tugenden sogar ins Gegenteil umschlagen und schädlich oder böse werden.

Die sieben Kardinaltugenden wurden im Laufe der Geschichte von verschiedenen Philosophen und Theologen interpretiert und diskutiert. So wurde beispielsweise die Tugend der Weisheit von Sokrates als die Fähigkeit definiert, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Für Aristoteles war Weisheit die Fähigkeit, das richtige Maß in allen Dingen zu finden.Die Tugend der Gerechtigkeit wurde als die Fähigkeit definiert, jedem das zu geben, was ihm zusteht. Für Thomas von Aquin war Gerechtigkeit die Tugend, die es dem Menschen ermöglicht, in Harmonie mit anderen zu leben und das Gemeinwohl zu fördern.

Die Tugend des Glaubens wurde als die Fähigkeit definiert, an Gott zu glauben und ihm zu vertrauen. Die Tugend der Hoffnung wurde als die Fähigkeit definiert, auf die Erlösung durch Gott zu hoffen. Die Tugend der Liebe wurde als die Fähigkeit definiert, Gott und den Nächsten zu lieben.

Heute sind die sieben Kardinaltugenden immer noch relevant und werden von vielen Menschen als wichtige Leitlinien für ein moralisches Leben angesehen. Sie sind nicht nur in der christlichen Ethik, sondern auch in der säkularen Ethik und Philosophie von Bedeutung. Heute werden die sieben Kardinaltugenden oft als wichtige ethische Werte angesehen, die in verschiedenen Bereichen des Lebens, wie zum Beispiel in der Politik, im Beruf und im persönlichen Leben, eine Rolle spielen. Obwohl sie aus einer anderen Zeit stammen, sind sie immer noch relevant und können dazu beitragen, ein erfülltes und sinnvolles Leben zu führen.

Kritik am Tugendbegriff

Die Kritik an den sieben Kardinaltugenden ist vielfältig und sind irgendwie auch gleichzeitig eine Kritik an der Freimaurerei.

Einige Kritiker bemängeln, dass die Tugenden zu abstrakt und idealisiert sind und somit in der Praxis schwer umzusetzen sind. Die Anforderungen an die Tugenden sind oft zu hoch und können zu Überforderung führen. Dabei wird übersehen, dass es geradezu Bestandteil einer Tugend ist, dass diese nicht ohne eigenes Bemühen erreicht und gelebt werden kann.

Zu christlich geprägte Tugenden?

Zudem sind die Tugenden sehr stark von der christlichen Tradition geprägt, was für nicht-christliche Menschen problematisch sein kann. Die christliche Prägung gilt jedoch allenfalls für die drei letzten Kardinaltugenden.

Für einen  Agnostiker mag Glauben zunächst keine erstrebenswerte Tugend sein. Glaube kann aber auch in einem nicht-religiösen Kontext existieren. Zum Beispiel können Menschen an die Grundprinzipien der Menschlichkeit, an die Liebe, an die Güte oder an die Fähigkeit des Menschen zum Wachstum und zur Veränderung glauben. In diesem Sinne kann Glaube als eine positive Einstellung oder Überzeugung, die das menschliche Verhalten und die Entscheidungsfindung beeinflusst, betrachtet werden. In diesem Sinne bezieht sich Glaube auf die Fähigkeit, trotz Unsicherheit, Zweifel oder Angst Vertrauen und Hoffnung zu bewahren. Es kann auch die Fähigkeit beinhalten, an das Gute im Menschen und in der Welt zu glauben, selbst in schwierigen oder herausfordernden Zeiten.

Sind die Tugenden zu individualistisch?

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Kardinaltugenden sehr individualistisch sind und wenig Rücksicht auf die soziale und politische Dimension des menschlichen Handelns nehmen. Die Tugenden beziehen sich vor allem auf das Verhalten des Einzelnen und vernachlässigen die gesellschaftlichen Strukturen und Zusammenhänge, die das Handeln beeinflussen.

Die Frage, ob die Kardinaltugenden zu individualistisch sind, ist eine interessante und komplexe. Die Kardinaltugenden – Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung – sowie die drei theologischen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – sind universelle Werte, die nicht nur auf das Individuum, sondern auch auf die Gemeinschaft abzielen.

Zum Beispiel zielt die Tugend der Gerechtigkeit darauf ab, das Gleichgewicht in der Gesellschaft zu wahren, indem sie fordert, dass jeder das bekommt, was ihm zusteht. Dies ist eindeutig eine soziale Tugend, die das Wohl der Gemeinschaft berücksichtigt und nicht nur das des Individuums.

Die Tugend der Weisheit hingegen kann als eher individualistisch angesehen werden, da sie das Streben nach persönlichem Wissen und Verständnis fördert. Aber selbst in diesem Fall dient die Weisheit letztlich dem Gemeinwohl, indem sie das Individuum dazu befähigt, kluge Entscheidungen zu treffen, die sowohl für sich selbst als auch für andere vorteilhaft sind.

Die Tugend der Tapferkeit erfordert persönlichen Mut, aber dieser Mut wird oft im Dienst der Gemeinschaft eingesetzt, um Ungerechtigkeiten zu bekämpfen oder andere zu schützen. Ebenso erfordert die Tugend der Mäßigung persönliche Selbstbeherrschung, aber diese Selbstbeherrschung trägt zur Harmonie in der Gesellschaft bei.

Die theologischen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – haben ebenfalls sowohl individuelle als auch soziale Aspekte. Der Glaube ist eine persönliche Überzeugung, aber er kann auch eine Gemeinschaft von Gläubigen zusammenbringen. Die Hoffnung kann ein Individuum motivieren, aber sie kann auch eine Gemeinschaft inspirieren. Und die Liebe, obwohl sie oft als persönliches Gefühl verstanden wird, ist auch eine mächtige soziale Kraft, die Menschen zusammenbringt und Gemeinschaften stärkt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kardinaltugenden zwar individuelle Aspekte haben, aber nicht zu individualistisch sind. Sie zielen darauf ab, das Individuum zu stärken und zu erheben, aber immer im Kontext des Gemeinwohls und der sozialen Harmonie.

Kardinaltugenden

Sind die Kardinaltugenden zu statisch?

Einige Kritiker argumentieren auch, dass die Kardinaltugenden zu statisch sind und sich nicht an die sich ändernden gesellschaftlichen Bedingungen anpassen können. Die Tugenden wurden vor langer Zeit formuliert und sind seitdem kaum weiterentwickelt worden. In einer sich schnell verändernden Welt können sie daher nicht mehr zeitgemäß sein.

Andererseits könnten diese Tugenden als zeitlos angesehen werden, da sie universelle Werte und Verhaltensweisen darstellen, die in jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit relevant sind. Sie bieten einen stabilen ethischen Rahmen, der uns hilft, moralische Entscheidungen zu treffen und unser Verhalten zu leiten.

Es ist auch wichtig zu beachten, dass die Interpretation und Anwendung dieser Tugenden im Laufe der Zeit variieren kann. Obwohl die grundlegenden Prinzipien gleich bleiben, können die spezifischen Handlungen, die als Ausdruck dieser Tugenden angesehen werden, sich ändern und an den Kontext angepasst werden.

Letztendlich hängt die Frage, ob die Kardinaltugenden zu statisch sind, von der Perspektive ab. Während einige ihre Unveränderlichkeit als Stärke sehen, könnten andere sie als Schwäche sehen. Es ist eine Frage des persönlichen Glaubens und der individuellen Interpretation.

Was haben diese Tugenden mit der Freimaurerei zu tun?

Die Freimaurerei ist eine ethische und moralische Gemeinschaft, die sich für die Förderung von Toleranz, Humanität und Brüderlichkeit einsetzt. Humanität als wichtiger Bestandteil des freimaurerischen Wertekanons wird als eine der grundlegenden Tugenden angesehen. Sie ist eng mit den anderen Kardinaltugenden wie Gerechtigkeit, Weisheit und Stärke verbunden und bildet zusammen mit ihnen das Fundament der Freimaurerei.

Die moralischen Vorstellungen der Freimaurerei basieren auf der Idee, dass der Mensch durch seine Vernunft und sein Gewissen in der Lage ist, sein Leben selbst zu gestalten und Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen. Die Freimaurerei betont die Bedeutung von Tugenden wie Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Selbstlosigkeit als Grundlage für ein erfülltes und sinnvolles Leben.

Ein weiteres wichtiges Konzept in der Freimaurerei ist die Idee der Selbstverbesserung. Die Freimaurer glauben, dass jeder Mensch das Potenzial hat, sich selbst zu verbessern und zu einem besseren Menschen zu werden. Dies geschieht durch die Anwendung moralischer Prinzipien im täglichen Leben und durch die Teilnahme an rituellen Zeremonien, die dazu dienen, die moralischen Werte der Freimaurerei zu verinnerlichen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der moralischen Vorstellungen der Freimaurerei ist die Idee der Brüderlichkeit. Die Mitglieder sollen sich als Brüder betrachten und sich gegenseitig unterstützen. Dies schließt auch die Idee ein, dass alle Menschen Brüder sind und dass es wichtig ist, sich für das Wohl aller einzusetzen.

Die Freimaurerei betont auch die Bedeutung von Freiheit und Unabhängigkeit. Die Mitglieder sollen sich von Vorurteilen und Dogmatismus befreien und sich für die Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung einsetzen. Dies schließt auch die Idee ein, dass jeder Mensch das Recht hat, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und seine eigene Meinung zu vertreten.

Die Freimaurerei lehnt jede Form von Dogmatismus und Fanatismus ab und betont die Bedeutung von Vernunft und Toleranz. Die Mitglieder der Freimaurerei kommen aus verschiedenen religiösen und kulturellen Hintergründen und respektieren die Meinungen und Überzeugungen anderer. Die Freimaurerei ist keine Religion, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die sich für moralische und ethische Werte einsetzen.

Kann die Freimaurerei Hilfestellung zu einem gelingenden Leben geben?

Ein gelingendes Leben ist ein sehr individuelles Konzept, das für jeden Menschen anders aussehen kann. Es geht darum, ein Leben zu führen, das den eigenen Werten und Zielen entspricht und das von innerer Zufriedenheit und Erfüllung geprägt ist.

Wie im Eingangszitat aus Bob Marleys „Redemption Song“ beschrieben, ist es entscheidend, sich aus der geistigen Sklaverei der Vorurteile und der Unwissenheit zu befreien.

Dies setzt natürlich voraus, dass man seine eigenen moralischen und die allgemein gültigen ethischen Werte überhaupt kennt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Dazu bietet die Loge eine ideale Werkstatt, wenn man bereitit, sie auch zu nutzen.

Es geht darum, ein Leben zu führen, das den eigenen Werten und Zielen entspricht. Das ist die schwerere Übung. Dabei helfen im besten Falle die Brüder und insbesondere die lebenslange Einübung in den entsprechenden maurerischen Ritualen. Ein gelingendes Leben bedeutet nicht zwangsläufig, dass alles perfekt ist oder dass man immer glücklich ist, sondern dass man ein erfülltes Leben führt, das von Bedeutung ist. 

None but ourselves can free our mind.

Avatar von J.B. Roehrle

3 responses to “Die 7 Kardinaltugenden, die Freimaurerei und ein gelingendes Leben”

  1. […] zählt die Weisheit zu den vier Kardinaltugenden: Weisheit, Tapferkeit, Maßhalten und Besonnenheit. Nur durch eine Harmonie dieser Tugenden gelangt […]

  2. […] Beide Systeme stellen Tugenden ins Zentrum ihres Denkens. Während die Stoa die vier Kardinaltugenden betont, fördert die […]

  3. […] weiteres Beispiel ist die Dreizahl der Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe, die im Neuen Testament von Paulus hervorgehoben werden. Diese Triade […]

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J.B. Röhrle

Der Autor ist Jurist mit freimaurerisch – philosophischen Gedankenmustern und auch sonst von mäßigem Verstand. Er wüsste gern, was die Welt im innersten zusammenhält. Weiß es aber nicht. Möglicherweise auch, weil er im Physikunterricht der Oberstufe nicht gut aufgepasst hat. Stattdessen hat er in dieser Zeit ohne großen Erfolg Liebesgedichte verfasst.

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