Über 250 Jahre ist Voltaires „Abhandlung über die Toleranz“ schon alt, 2015 hatte sie an trauriger Aktualität gewonnen: In Folge des tödlichen islamistischen Terrorangriffs im selbsterklärten Stammland der Laizität und der Aufklärung hat sich das Pamphlet gegen religiösen Fanatismus zum Bestseller entwickelt. Es gehörte in jenem Jahr zu den meistverkauften Titeln in Frankreich.
In der „Abhandlung über die Toleranz“ beschreibt Voltaire religiöse Konflikte als Quelle weltpolitischer Verwerfungen. Er veröffentlichte die Schrift 1763, anlässlich der Hinrichtung des Stoffhändlers Jean Calas, einem Protestanten, dem fälschlicherweise vorgeworfen worden war, seinen Sohn ermordet zu haben, der angeblich zum Katholizismus hatte konvertieren wollen. Historischer Kontext sind die Hugenottenkriege und weitere blutige Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken in Frankreich in den Jahrhunderten zuvor.
Ein Anlass auch für Freimaurer, sich mit diesem Thema zu befassen.
Aber sind die nicht ohnehin per definitionem „tolerant“?
Keine Tugend oder vielleicht treffender ethische Aufgabe hat Anspruch und Selbstverständnis der Aufklärung und damit auch der Freimaurerei wohl mehr geprägt als die Toleranz, die Erziehung zum Respekt vor den Überzeugungen des Andersdenkenden.
Die geistige Auseinandersetzung mit Inhalt und Bedeutung der Toleranz erscheint im Vergleich dazu auffällig zurückhaltend. Die alten Pflichten von 1723 kennen den Begriff der Toleranz nur am Rande und ausschließlich in Bezug auf Religionsfreiheit. Das Freimaurerlexikon von Lennhoff-Posner widmet ihr gerademal eine halbe Seite.
Auch in der Wikipedia haben die Ausführungen zur Definition von Toleranz übrigens nur 1/3 des Umfangs der z.B. der Definition von „transgender“ gewidmet wird.
Aber was ist denn nun Toleranz?
Das Prinzip der Toleranz stellt ein facettenreiches und oftmals kontrovers diskutiertes Konzept dar, welches in unterschiedlichsten Kontexten zur Anwendung kommt.
Die Toleranz, ein Thema von weitreichender Relevanz, wird in vielfältigen Kontexten gefordert und betont – sei es in Bezug auf alternative Lebensweisen, unterschiedliche sexuelle Orientierungen, divergierende Meinungen oder vielfältige Kulturen. Sie gilt als essenzieller Gegenpol zu dogmatischen Glaubenssystemen und wird als unerlässliche Säule in der Welt der Bildung hervorgehoben. In zahlreichen Resolutionen wird ihre Bedeutung vehement unterstrichen und aktiv beworben. Und doch, trotz ihrer universellen Anerkennung, trifft die praktizierte Toleranz auch oft auf kritische Stimmen. Besonders die naive Toleranz wird häufig hinterfragt. Diskussionen über die Kosten von Toleranz, die Forderung nach einer Null-Toleranz-Politik oder der Einsatz sogenannter Brandmauern sind weit verbreitet und intensiv.
Auch Interessant – das Philosophische Wörterbuch definiert Toleranz als
„die Akzeptanz unterschiedlicher Ansichten, Bräuche und Gewohnheiten“.
Das Konzept der Toleranz wird allgemein positiv bewertet. Wenn man Toleranz für andere einfordert, demonstriert man dadurch seine eigene Toleranz und Güte. Auch wenn man Toleranz für die eigene Gruppe fordert, kann dies nicht nur dazu beitragen, als gut wahrgenommen zu werden, sondern kann auch materielle Vorteile erzielen.
Die Einforderung eines toleranten Verhaltens an sich selbst, scheint dagegen nicht wirklich populär zu sein.
Historischer Begriff
Der philosophische und historische Begriff der Toleranz unterscheidet sich natürlich stark von der aktuellen Nutzung des Wortes als „politischer Kampfbegriff“ zur Idealisierung der eigenen Persönlichkeit und Überzeugung.
Das lateinische „tolerare“ bedeutet: ertragen, aushalten, erdulden, dulden, Verben, die für ein eher unangenehmes Erleben, ein Opfer stehen. Toleranz verlangt mir ab, etwas, was meiner persönlichen Haltung und Überzeugung widerstrebt, mit Geduld und Duldsamkeit zu begegnen. Die Toleranz ist insoweit eine Art Selbstüberwindung. Unterdrückung des Reflexes, die Differenz als Bedrohung seiner selbst und seiner Lebensart zu empfinden.
Befasst man sich intensiver mit dem Wesen der Toleranz, begegnet man plötzlich mehr Gesichtern und Facetten des Begriffs.
Erscheinungsformen , die alle unter „tolerantia“ subsumiert werden können, aber doch von ganz unterschiedlichen Haltungen geprägt sind. Tatsächlich gibt es sie nicht, die eine Toleranz. sondern es gibt deren viele Spielarten.
Wolfgang Heilmann (Verfasser des Buches „Warum ausgerechnet Freimaurer“), hat in einem Vortrag mehrere Spielarten der Toleranz vorgestellt, die ich hier gerne vorstelle, da er auch aus meiner Sicht eine gute Zusammenstellung bietet:
Die erste Form von Toleranz ist eher Gleichgültigkeit als wohlwollende Nachsicht. Es handelt sich nicht um echte Toleranz, sondern um passive Desinteresse, was keine Tugend sein kann.
Die zweite Form wird als „opportunistische Toleranz“ bezeichnet. Sie duldet abweichende Überzeugungen nicht aus Respekt, sondern aus der Erfahrung heraus, dass Verfolgung und Diskriminierung oft das Gegenteil bewirken. Ihre Motivation ist rein praktisch, das Ergebnis eines Nutzenkalküls.
Die dritte Form von Toleranz basiert auf der Wahl von Überzeugung statt Gewalt. Es geht nicht mehr nur um passive Akzeptanz von Fehlern, sondern um aktives Vertrauen in die Kraft der Vernunft und die Fähigkeit des Anderen zu lernen. So formulierte auch einer der großen Theoretiker der Toleranz, John Locke (1632-1704) :
“Der Wahrheit würde es am besten bekommen, wenn man sie einmal auf sich selbst angewiesen sein ließe. ………. wenn die Wahrheit ihren Weg zum Verständnis nicht mit Hilfe ihres eigenen Lichtes macht, so wird sie nach dem Maße geborgter Kraft, um die Gewalttat sie vermehren kann, nur umso schwächer sein.“.
Toleranz ist mehr als nur das bloße Ertragen von Unterschieden, ob diese aus methodischen oder naturrechtsethischen Bedenken gegen Intoleranz stammen. Es ist eine Bereitschaft, den anderen nicht nur als Gleichberechtigten zu respektieren, sondern auch als einen Mitmenschen zu empfinden, dessen Ansichten für uns von Interesse sind. Toleranz ist eng verbunden mit Geduld und der Fähigkeit, inhaltliche Gegnerschaft zu akzeptieren, ohne dabei persönliche Feindseligkeiten zu entwickeln.
Alle Menschen haben gleiche Würde und Rechte. Dies erfordert die Toleranz gegenüber den Meinungen anderer, selbst wenn wir nicht zustimmen. Diese Toleranz basiert auf Respekt und Gleichheit. Es gibt eine weitere Form der Toleranz, die noch weiter geht.
Es geht um das Bedürfnis, den anderen und seine Beweggründe besser zu verstehen. Ich begegne dem anderen nicht nur mit Respekt vor seiner Gleichheit im Recht auf Teilhabe an der Meinungsbildung, sondern mit Wohlwollen. mit Neugierde, mit der Bereitschaft, ihm zuzuhören, mit ihm auf gleicher Ebene zu kommunizieren.
Für Heilmann ist allein dies die für den Freimaurer wahre und verbindliche Toleranz.
Ähnlich formuliert auch Albert Einstein
Toleranz ist das menschenfreundliche Verständnis für Eigenschaften, Auffassungen und Handlungen anderer Individuen, die der eigenen Gewohnheit, der eigenen Überzeugung und dem eigenen Geschmack fremd sind. Toleranz heißt also nicht Gleichgültigkeit gegen das Handeln und Fühlen des oder der anderen; es muss auch Verständnis und Einfühlung dabei sein.
Albert Einstein in „Albert Einstein-The Human Side“ 1979, Princeton University Press, S154
Kritiker der Toleranz
Ich habe im Prinzip nichts gegen Toleranz. Ich habe nichts gegen die Nächstenliebe und all die Gebote. Ich habe auch nichts gegen die Bergpredigt, die ich für ein wunderbares Dokument der Menschlichkeit halte. Aber Toleranz ist ein angestaubter Begriff, zu dem sich eigentlich jeder bekennen kann. Auch der radikalste Islamist kann sich dazu bekennen, weil er Toleranz eben auf seine Weise definiert.
Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken. Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang, der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird. Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden.
Henryk M. Broder, „Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen“
Eine häufig vorkommende Fehlinterpretation des Begriffes, die aber auch ein Kernproblem trifft: Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden ist eben nicht gleichbedeutend mit der Aufgabe der eigenen Überzeugungen oder gar Verzicht auf die eigene Wahrheit. Ich mag von meiner Wahrheit felsenfest überzeugt sein, aber ich bin eben auch davon überzeugt, dem Andersdenkenden mit Respekt, Wohlwollen und dem gebotenen Ernst begegnen zu müssen. Toleranz ist der Humus, auf dem eine vorurteilsfreie, friedliche Meinungsbildung überhaupt erst möglich ist. Toleranz zwingt jedoch nicht zur Preisgabe oder auch nur zur Relativierung der einander gegenüberstehenden Meinungen, ist kein Präjudiz für deren Gleichwertigkeit und gleiche Wahrhaftigkeit.
Dieser wesentlichen Unterscheidung liegt auch der elementare Gedankenfehler der Gegner der Toleranz zugrunde, die dem Toleranten vorwerfen, selbst indifferent zu sein, selbst keine Wahrheiten zu haben, für die es sich zu kämpfen lohne. Toleranz zersetze unsere Ideale und heiligsten Güter.
Kein anderer hat die Kritik an der Toleranz so kühn, radikal und doch aufrichtig artikuliert wie Friedrich Nietzsche:
Was ist Toleranz‘ Die Anerkennung fremder Ideale! Wer ganz tief und stark sein eigenes Ideal fördert, kann gar nicht an andere glauben. ohne sie abschätzig zu beurteilen – Ideale geringerer Wesen, als er es ist. Somit ist Toleranz ein Beweis des Misstrauens gegen ein eigenes Ideal oder das Fehlen desselben.“
Dem hat Voltaire sehr eindeutig entgegengesetzt
Ich missbillige ihren Standpunkt absolut – aber bis in den Tod werde ich Ihr Recht verteidigen, ihn frei auszusprechen „
Für Nietzsche steht die Toleranz für die Anerkennung fremder Ideale und damit gleichzeitig den Verrat an den eigenen Idealen. Voltaire hingegen unterscheidet sehr viel präziser zwischen der Form öffentlicher Meinungsbildung, die eine tolerante sein muss, und deren Inhalten. Das “Ich missbillige ihren Standpunkt absolut“, drückt die kämpferische Leidenschaft aus, mit der auch der Tolerante seine Überzeugungen vertreten kann und gelegentlich auch soll. Die Toleranz erlegt dabei Schranken im Umgang mit dem Andersdenkenden auf.
Sie verbietet, die Meinung des anderen als per se minderwertig, als nicht denkbar und bedenkenswürdig zu verwerfen, dem anderen den Respekt zu verweigern, mich ernsthaft mit seiner abweichenden Auffassung auseinanderzusetzen. auch wenn ich am Schluss auf meiner eigenen Position beharren mag.
Nun wird heutzutage kein Kritiker Sinn und Nutzen der Toleranz mit der Radikalität eines Friedrich Nietzsche begegnen.
Einen anderen radikalen Kritikansatz hat allerdings die Frankfurter Schule, die in den 60er Jahren den Begriff der „repressiven Toleranz“ kreierte. Nach Marcuse existiert eine objektive Wahrheit, die durch die Diskussion des Volkes in Gestalt von Individuen und Mitgliedern politischer und anderer Organisationen die Politik einer zukünftigen demokratischen Gesellschaft bestimmen soll. Diese Idee der Freiheit schließt für Marcuse eine uneingeschränkte Toleranz gegenüber rückschrittlichen Bewegungen aus. Unparteiische Toleranz schütze in Wirklichkeit die bereits etablierte Maschinerie der Diskriminierung. In seinem Essay legitimiert er dieses Programm mit der Feststellung: Das Telos der Toleranz ist Wahrheit.
In der Französischen Enzyklopädie (1751-1780) schreibt Diderot
über die Intoleranz:
„Mit dem Wort Intoleranz bezeichnet man gemeinhin die wilde Leidenschaft, den zu hassen und zu verfolgen, der sich im Irrtum befindet. Es ist gottlos, dem Gewissen, der allgemeinen Richtschnur allen Handelns, Gesetze auferlegen zu wollen Es braucht Aufklärung, nicht Zwang Menschen, die sich in gutem Glauben irren, sind zu bedauern , nie aber zu bestrafen „
Tolerant zu sein, wo meine Überzeugung, meine Ideale herausgefordert werden, ist eine hohe menschliche Leistung. Es darf dabei aber nicht sein Bewenden haben. Wie ich dem Anderen Toleranz schulde, so schulde ich meinen eigenen Überzeugungen und Idealen, aktiv für sie einzutreten. Toleranz war nie und ist nicht gleichzusetzen mit der Preisgabe von Wahrheiten und Idealen.
Grenzen der Toleranz
Dies führt zu der Frage: Hat Toleranz überhaupt Grenzen? Gibt es Toleranz auch gegenüber Intoleranz?
Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ –
Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.
Popper argumentierte, dass eine Gesellschaft, die tolerant sein will, auch Grenzen setzen muss. Diese Grenzen sollten so gesetzt werden, dass sie die Freiheit und die Rechte aller schützen. Wenn eine Gruppe jedoch die Freiheit und die Rechte anderer einschränken will, dann muss die Gesellschaft sich dagegen wehren und diese Gruppe nicht tolerieren.
Das Paradox der Toleranz ist also ein wichtiger Hinweis darauf, dass Toleranz nicht bedingungslos sein kann. Eine Gesellschaft, die tolerant sein will, muss auch bereit sein, ihre Toleranz zu verteidigen und Intoleranz zu bekämpfen.
Freiheit und Toleranz – zwei Konzepte, die nicht ohne Grenzen existieren. Toleranz ist kein absolutes, sondern ein relatives Konzept, das immer etwas duldet und etwas anderes ausschließt. Es ist ein Tanz auf dem Seil des Widerspruchs und der Anerkennung.
Der wahre Geist der Toleranz zeigt sich in der Anerkennung von Unterschieden. Es geht um das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Meinungen und Lebensweisen, um die gleichberechtigte Teilhabe an der Meinungsbildung. Toleranz bedeutet auch, das Recht auf Irrtum anzuerkennen, vorausgesetzt, es geschieht in gutem Glauben.
Toleranz strebt nach einem „modus vivendi“, der harmonisch und gemeinschaftsverträglich ist. Es ermöglicht den Ausdruck extremster Meinungen, ohne dass diese unterdrückt werden. Am Ende stehen wir vor einer Wahl: Toleranz oder Verfolgung. Wählen wir also weise.
Man muss Intoleranz mit Intoleranz beantworten, auch wenn ich anerkenne, dass das ein gewisser logischer Widerspruch ist. Denn irgendwann gerät man natürlich an die Grenzen der eigenen Toleranz, wird intolerant, und möglicherweise sitzt man dann mit den Leuten, die man bekämpft, in einem Boot. (Henryk M. Broder)
So ging es wohl auch vielen Anhängern der Lehre der repressiven Toleranz.
Mit beiden Meinungen stimme ich übrigens nicht ganz überein. Meiner Meinung nach sind auch extreme Meinungen zu tolerieren, auch die, dass Toleranz nicht gelte. Aber es gibt dennoch eine Grenze der Toleranz. Sie hat nicht Meinungen zum Gegenstand, sondern Handlungen, und – um es zu wiederholen – sie ist nicht inhaltlich bestimmt, sondern formal.
Der kleinste gemeinsame Nenner, von dem man annehmen kann, dass ihn Menschen teilen, scheint von Kant in seinem kategorischen Imperativ bestimmt worden zu sein. Demnach muss die eigene Handlung geeignet sein, als allgemeines Gesetz formuliert zu werden, dem man dann auch bereit ist, sich selbst zu unterwerfen – oder in seiner popularisierten Variante: “Handle so, wie Du von anderen behandelt werden willst”.
Die meisten Philosophen stimmen darin überein, dass Handlungen, die die physische Integrität oder das Eigentum eines Menschen beeinträchtigen, nicht akzeptabel sind. Diese Handlungen verletzen grundlegende Menschenrechte und sollten nicht toleriert werden. Zum Beispiel, John Locke, ein Vater der modernen Demokratie, betrachtete Eigentumsverletzung als inakzeptabel.
In einer Gesellschaft, die sich selbst als tolerant beschreibt, gibt es Raum für eine Vielfalt von Meinungen und Einstellungen. Man muss akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich unwohl fühlen, wenn sie neben ihre eigenen Identität in Frage stellenden Menschen leben oder ihnen Wohnraum vermieten sollen. Solange diese Ansichten nicht zu physischen Übergriffen führen, gelten sie für mich als tolerierbar.
Ähnlich verhält es sich mit dem gelegentlichen Aufmarsch bestiefelter Gesellen, die sich ihrer rechtsextremen Einstellungen erfreuen. Solange ihre Demonstrationen nicht die körperliche Unversehrtheit Dritter beeinträchtigen, müssen sie als Teil der Meinungsvielfalt akzeptiert werden.
Es ist auch zu akzeptieren, dass das Amt des katholischen Priesters für Frauen geschlossen ist. So wie wir es hinnehmen müssen, dass Demonstrationen als Ausdruck von Unmut gegenüber der Regierung stattfinden.
Nicht hinzunehmen sind Aufrufe zu Gewalt, ebenso wenig wie die Zerstörung von Eigentum, sei es der Infostand des Wahlgegners oder die aktuellen Klebeaktionen auf Gemälden und Straßen. Letztlich ist das Strafgesetzbuch mit seinem Katalog der Straftaten gegen körperliche Integrität (z.B. Körperverletzung) und Eigentum (z.B. Diebstahl oder Sachbeschädigung), ein guter Indikator für die Handlungen, die nicht tolerierbar sind.
In einer lebhaften Demokratie ist es nicht nur unnötig, Meinungen zu beschränken, es ist sogar gefährlich. Denn eine gesunde Demokratie gedeiht durch den täglichen Austausch von divergierenden Ansichten – den freien Markt der Meinungen.
Die Anwendung von Kriterien zur Bestimmung ’nicht tolerierbarer‘ Meinungen signalisiert ein Eigeninteresse an den im Umlauf befindlichen Meinungen und ein mangelndes Vertrauen an die eigene Überzeugungskraft.
Der Wert der Toleranz
Der Wert der Toleranz hängt jedoch auch davon ab, wie wir die ihr innewohnenden Möglichkeiten sinnvoll nutzen. Toleranz schafft nur die unverzichtbaren Rahmenbedingungen für eine freie geistige Auseinandersetzung. Diese Auseinandersetzung mit Sinn und Werten zu füllen, die richtigen Fragen zu stellen und um die richtigen Antworten zu ringen, ist die weit anspruchsvollere Aufgabe.
Es gibt die Überzeugung, dass Diktaturen sich durch einen eklatanten Mangel an Toleranz auszeichnen, während unsere nachsichtigen demokratischen Gesellschaften ein bedrohliches Übermaß an Toleranz zulassen. Sie sind geprägt von einer schier endlosen Flut an Diskussionen, bei denen jede Meinung, selbst die bizarrsten und abwegigsten, ungeprüft und mit dem gleichen Respekt behandelt wird, wie die als intelligent erachteten – also die eigenen. In den Weiten des Internets haben Verschwörungstheoretiker ihre Spielwiesen gefunden. Diese moderne Ausprägung von Toleranz scheint alles unkontrolliert zuzulassen.
Hier werden wieder „wie von den klassischen Gegnern der Toleranz – zwei Dinge miteinander vermengt: Die Toleranz und die Art und Weise, in der wir von der ihr innewohnenden Möglichkeit Gebrauch machen.
Die Idee der Toleranz ist tief in der Anerkennung der individuellen Freiheit verankert und gewährt jedem das unveräußerbare Recht, seine persönlichen Überzeugungen und Gedanken frei zu äußern und damit zur Gestaltung der öffentlichen Meinung beizutragen. Dabei ist es von Bedeutung, dass diese Rechte unabhängig von der Andersartigkeit oder Abweichung von der vorherrschenden Meinung, geschützt sind, ohne Angst vor Verfolgung, Diffamierung oder Diskriminierung. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Toleranz nicht zwangsläufig eine Garantie für positive Resonanz oder Zustimmung zu den geäußerten Meinungen bedeutet. Die Fähigkeit, andere zu überzeugen oder Konsens zu erzielen, ist eine völlig separate Angelegenheit.
Toleranz heißt „ audiatur et altera pars“, d.h. lasst uns unvoreingenommen und vorurteilsfrei die Argumente der Befürworter und ihrer Gegner anhören und gegeneinander abwägen. Toleranz greift nicht dem Ergebnis der Meinungsbildung vor. Toleranz heißt nicht, beide Sichtweisen als gleichwertig oder gleichermaßen ethisch vertretbar einzuordnen. Toleranz befreit mich nicht vor der verantwortungsbewussten Suche nach meiner Wahrheit und notfalls auch kämpferischen Vertretung derselben im Prozeß der Meinungsbildung.
Und die Freimaurer ?
Es ist kein Geheimnis, dass auch in der Welt der Freimaurerei Anspruch und Wirklichkeit manchmal nicht Hand in Hand gehen. Ist es dann gerechtfertigt zu sagen, dass alle Freimaurer tolerant sind? Das wäre ein Trugschluss. Toleranz ist kein Abzeichen, das man bei der Initiation erhält. Vielmehr handelt es sich um eine Lebenshaltung, die durch harte Arbeit und ständige Prüfungen erlangt wird. Als Freimaurer haben wir jedoch die Pflicht, die Erziehungsaufgabe, die in der Toleranz verankert ist, anzunehmen.
Auch in unseren Bauhütten sind übrigens heftige und teilweise ins persönliche hineinreichende Auseinandersetzungen nicht unbekannt. Sie können uns als besonders naheliegendes Beispiel für gelebte Toleranz herhalten.
Bevor wir Toleranz in und von der Gesellschaft fordern, ist es unerlässlich, dass wir sie zuerst in unseren persönlichen Interaktionen verinnerlichen und ausüben. Die Freimaurer beispielsweise, setzen auf die Methode der „Einübung“, um ihre Ideale sowohl im Tempel als auch in allen anderen Beziehungen zu leben.







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