Vier Strategien für ein großes Ziel
So unterschiedlich wir Freimaurer in unseren Fähigkeiten, Neigungen und Abneigungen, in unseren Zielen und Idealen sind, so unterschiedlich sind allerdings auch die Beweggründe, die jeden von uns hierhergeführt haben.
Aber wir hatten zumindest eine Gemeinsamkeit. Wir suchten alle eine Vereinigung , frei von Aberglauben und Vorurteilen, akademischem Dünkel und Unduldsamkeit. Den Bund, der zugleich jedem Einzelnen dazu verhelfen soll. sich zu vervollkommnen. Das heißt alle diejenigen Potentiale, die in einer Person ruhen, ihrer Entwicklung und Gestaltung zuzuführen.
Wir alle suchten einen Ort und einen Kreis von Brüdern im Geiste. in dem wir hofften, dass uns gelänge, was Johann Gottlieb Fichte vom Menschen fordert:
»Werde. was du sein sollst, erfülle deine Bestimmung als Mensch!«
Es lohnt sich sehr, über dieses Zitat nachzudenken, wie es sich ohnehin lohnt , sich regelmäßig mit einigen Gedanken unserer Tradition zu befassen. Einen Gedanken eine gewisse Zeit in Ruhe von allen Seiten ganz ohne den Einsatz von KI betrachten hilft ungemein dabei, sein eigenes Denken zu ordnen.
Zurück zum Zitat
Johann Gottlieb Fichte, einer der bedeutendsten deutschen Philosophen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, wird oft mit freimaurerischen Idealen in Verbindung gebracht. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass er in seinen Schriften und Reden vielfach Gedanken äußerte, die mit den Prinzipien der Freimaurerei übereinstimmen. Sein berühmtes Zitat wird häufig in freimaurerischen Kontexten verwendet, da es den Kern der freimaurerischen Selbstvervollkommnung widerspiegelt.
In seinen „Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten“ (1794) sagt Fichte wörtlich:
„Handle so, daß du allezeit die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, zugleich als Zweck, niemals als bloßes Mittel brauchest. – Werde, was du sein sollst.“
Und an anderer Stelle:
„Der Mensch soll werden, was er sein soll.“
Fichte meint damit:
Der Mensch hat eine moralische Bestimmung – er soll durch Selbsttätigkeit und Vernunft seine wahre Natur verwirklichen.
Das ist Pflicht, aber keine äußere – sondern eine innere, selbst gesetzte. Es geht um Freiheit durch Selbstgesetzgebung, nicht um passive Erkenntnis, sondern um aktive Schöpfung des Selbst. Der Mensch „soll“ werden, was er idealerweise ist – eine Pflicht, die aus der Vernunft entspringt. “Handeln! Handeln! Das ist es, wozu wir da sind” sagt Fichte.
Nietzsche nimmt später (1883) Fichtes Formulierung auf, dreht sie aber um:
„Werde, der du bist!“
(Also sprach Zarathustra)
Bei Nietzsche ist es keine moralische Pflicht, sondern eine schöpferische Aufforderung:
- Kein Soll von außen
- Kein Menschheitsideal
- Sondern: Erkenne deine Einzigartigkeit und gestalte dich selbst!
Ich möchte hier jetzt nicht tiefer in diese weltanschaulichen Differenzen einsteigen. Ich weise nur darauf hin, dass Fichte und die Aufklärung der Freimaurerei deutlich näher stehen als Nietzsche. Letzterer war mit Sicherheit kein Freimaurer. Ob Fichte ein Mitglied der Freimaurer war, bleibt unklar. Seine philosophischen Werke stimmen jedoch mit freimaurerischen Idealen in großen Teilen überein, und seine Vorstellung von einer besseren, aufgeklärten Menschheit spiegelt diese Ideale wider.
Freimaurer war allerdings Goethe (1749 – 1832) und er hat dem Thema Selbstwerdung sein Hauptwerk gewidmet. Im Faust verkörpert der Protagonist – ein Gelehrter, der mit seinem Wissen und Leben unzufrieden ist – die menschliche Sehnsucht nach Vollkommenheit. Seine Reise ist ein Prozess der Selbstwerdung durch Tätigkeit und Überwindung.
Faust fühlt sich gefangen in seiner begrenzten Existenz: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ . Er sehnt sich nach absoluter Erkenntnis und Erfahrung, was ihn zum Pakt mit Mephistopheles führt.

Durch Abenteuer, Liebe (zu Gretchen), Macht (im zweiten Teil) und gesellschaftliche Projekte (wie Landgewinnung) entwickelt sich Faust. Er stirbt nicht als „fertiger“ Mensch, sondern als Werdender: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ . Selbstwerdung bedeutet hier, dass der Mensch durch kontinuierliches Streben seine Grenzen erweitert.
Goethe betont in Faust, dass diese Selbstwerdung kein egoistisches Ziel ist, sondern in Beziehung zur Welt steht: Durch Handeln (z. B. Fausts Utopie einer freien Gesellschaft) entfaltet sich das Individuum. Im Vorspiel heißt es: „Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen; / Ein Werdender wird immer dankbar sein“ – ein Plädoyer für Offenheit und Wachstum.
Authentizität und Entwicklung – ein Widerspruch?
Authentizität bezieht sich auf die Idee, dass ein Mensch „echt“ oder „wahr zu sich selbst“ ist. Dabei geht es darum, sich nicht von äußeren Erwartungen, gesellschaftlichen Normen oder Rollen leiten zu lassen, sondern aus freiem Willen und innerer Überzeugung zu handeln. Authentizität bedeutet, seine eigene Existenz zu akzeptieren und zu gestalten, ohne sich zu verstellen oder zu verbergen.
Drafi Deutscher sang noch 1966 auf dem Höhepunkt seiner Karriere „Nimm mich so wie ich bin“. Nicht alle hielten sich an seinen Vorschlag. Er wurde zum Beispiel vom Amtsgericht Moabit in Berlin wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und Beleidigung zu neun Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.
Der häufig zu Geburtstagen geäußerte Wunsch “Bleib so wie du bist” ist dagegen vielleicht gut gemeint aber für einen Menschen, der sich eigentlich weiter entwickeln will, eher unangebracht. Sollte man meinen. Man kann diesen Wunsch allerdings, auch anders deuten. Im Kern: Erkenne dich selbst (wie das Delphische Orakel sagt: „γνῶθι σεαυτόν“), und dann handle danach – sei authentisch.
Es ist verlockend und bequem aber wenig hilfreich, sich mit seinen Fehlern abzufinden, ohne zumindest den Versuch zu unternehmen, ihre Anzahl zu reduzieren. Wenn der Entschluss , zu werden was man sein soll und die daraus folgende Entwicklung aus innerem Antrieb kommt und mit den eigenen Werten übereinstimmt, verstärkt sie sogar die Authentizität. Sartre würde sagen: Authentizität erfordert, dass du dich selbst wählst und gestaltest. Sich zu verbessern kann ein Akt der Freiheit sein, solange es die eigene Wahl ist.
Pindars Ratschlag
Dann kann man auch sein Wissen einfließen lassen, dass der Spruch ja eigentlich aus der 2. Pythia Ode Pindars (522 – 466 v Chr) stammt und „Werde, was du bist, nachdem du es gelernt hast“ „γένοι᾽ οἷος ἐσσὶ μαθών“ bedeutet. Die Ode ist an Hieron den Herrscher von Syrakus geschrieben und soll als Ermahnung dienen: Bleib dir treu, lass dich nicht von Neidern oder falschem Lob irreleiten. Es ist eine Warnung vor Selbsttäuschung und ein Plädoyer für innere Stärke durch Wissen. Auch diese Mahnung findet übrigens in einem unserer Rituale ihre Entsprechung.
Wie aber kann man werden was man sein soll?
Vier erprobte Strategien und praktische Schritte (inspiriert von den Philosophen) könnte ich da anbieten:
- Reflexion und Lernen (Pindar-Ansatz): Führe ein Journal: Schreibe täglich über deine Handlungen und Motive. Frage: „Was bin ich wirklich?“ Meditiere oder reflektiere über Erfolge/Scheitern, um deine Essenz zu „lernen“ (mathṓn). Ziel: Authentizität statt Masken.
- Moralische Selbsttätigkeit (Fichte-Ansatz): Setze dir Ziele, die deiner Vernunft entsprechen. Handle ethisch, aber selbstbestimmt – z. B. durch ehrenamtliches Engagement oder Lernen neuer Fähigkeiten. Überwinde „Sinnlichkeit“ (Trägheit, Begierden) durch Disziplin. Tipp: Starte mit kleinen Pflichten, die dich vervollkommnen.
- Selbstüberwindung und Experiment (Nietzsche-Ansatz): Probiere Neues aus, das dich herausfordert (z. B. Reisen, Hobbys, Konflikte). Umarme den „Willen zur Macht“: Nutze Krisen zur Transformation. Lies Also sprach Zarathustra und frage: „Was würde mein Übermensch tun?“ Vermeide Herdenmentalität; schaffe eigene Werte.
- Streben und Integration (Goethe/Faust-Ansatz): Lebe dynamisch: Strebe nach Erfahrungen (Liebe, Arbeit, Kreativität). Integriere Gegensätze (z. B. Vernunft und Emotion). Tipp: Setze dir ein „Faust-Projekt“ – ein großes Ziel, das dich verändert, auch wenn es scheitert. „Stirb und werde!“ bedeutet: Lass Altes los.
Um „Werde, was du sein sollst“ zu erreichen, ist Unterstützung von Gleichgesinnten hilfreich. Unsere Identität entwickelt sich durch Austausch mit anderen, zum Beispiel in einer Loge. Es geht darum, positive Eigenschaften zu fördern und einen guten Umgang mit Schwächen zu finden.
Die Freimaurer glauben, dass jeder Mensch das Potenzial hat, sich selbst zu verbessern und zu einem besseren Menschen zu werden. Dies geschieht durch die Anwendung moralischer Prinzipien im täglichen Leben und durch die Teilnahme an rituellen Zeremonien, die dazu dienen, die moralischen Werte der Freimaurerei zu verinnerlichen.
Die freimaurerische Ethik im Übungsfeld Loge praktisch anwenden und regelmäßig trainieren um sie dann auch im Alltag leben zu können. Die geübte praktizierte und somit erprobte Bruderliebe soll letztlich zur allgemeinen Menschenliebe werden.
Die freimaurerische Kernkompetenz, die Arbeit am rauen Stein, also an sich selbst, setzt dabei natürlich voraus, dass jeder Bruder für sich selbst versucht, sich dem Thema ethisches Verhalten die auf ihm gemäße Weise anzunähern.
Es geht dabei darum, ein Leben zu führen, das den eigenen Werten und Zielen entspricht. Das ist die schwerere Übung beim “werde was du sein sollst”. Dabei helfen im besten Falle die Brüder und insbesondere die lebenslange Einübung in den entsprechenden maurerischen Ritualen. Ein gelingendes Leben bedeutet nicht zwangsläufig, dass alles perfekt ist oder dass man immer glücklich ist, sondern dass man ein erfülltes Leben führt, das von Bedeutung ist.
Wer Freimaurer werden möchte, sucht eine Gemeinschaft für Unterstützung und persönlichen Austausch, um sich weiterzuentwickeln, wie Fichte es fordert. Oder wie es unsere amerikanischen Brüder gut zusammenfassen “making good men better”







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