Freimaurerei und Atheismus
„Schau über dich“ ist eine Aufforderung, die früher oder später an jeden Freimaurer gerichtet wird.
Dieser Blickwinkel beziehungsweise diese Blickrichtung darf nicht isoliert von den beiden zuvor schon erörterten Aufforderungen: „Schau in dich“ und „Schau um dich“ gesehen werden.
Auch bei dem „Schau über dich“, das in der Freimaurerei traditionell dem Meistergrad zugeordnet ist, handelt es sich letztlich um nichts anderes, als die Aufforderung den Weg der Selbsterkenntnis bis in die letzte Konsequenz weiterzuführen und nach den Reflexionen über die eigene Persönlichkeit die Wechselwirkung der Persönlichkeit mit den anderen Brüdern und der Gesellschaft auch die Endlichkeit das eigenen Selbst zu begreifen die Transzendenz zu erspüren und diese Erfahrung in die Arbeit am rauen Stein seiner eigenen Persönlichkeit mit einzubeziehen.
Die Gretchenfrage „nun sag- wie hast du’s mit der Religion“ stellt sich für den Freimaurer allerdings so nicht. Es geht nicht um die Frage in welcher Religionsgemeinschaft der Freimaurer wirkt, welcher er angehört oder ob er sich überhaupt einer bestimmten Konfession zurechnet. Fragen zu diesen Themen sind aus dem Leben der Loge explizit und mit gutem Grund verbannt.
Wohl aber stellt sich die Frage ob ein Bruder Freimaurer Christ, Moslem, Jude oder Anhänger einer anderen Religion sein muss, ob er Atheist, Agnostiker oder Materialist sein darf.
Die alten Pflichten
Am 24. Juni 1717, einem Tag, der in die Geschichte eingehen sollte, haben sich vier Freimaurerlogen in London und Westminster vereint, um eine erste Großloge zu gründen. Dies war ein prägendes Ereignis, das die Ordnung und Struktur der Freimaurerei, wie wir sie heute kennen, maßgeblich beeinflusste. Ein paar Jahre später, am 29. September 1721, trat der erste englische Großmeister, John Montagu(1690 – 1749), in Erscheinung. Er erteilte einen besonderen Auftrag an den schottisch-presbyterianischen Prediger James Anderson (1678–1739). Dieser Auftrag beinhaltete die Erstellung einer neuen Konstitution für die Großloge auf Grundlage alter gotischer
Anderson passte diese nach eigenen Aussagen an alte schottische Zunftsagen an und übernahm zudem in leicht veränderter Form eine Reihe Genereller Regeln (General Regulations), die von dem Altertumsforscher und zweiten Großmeister George Payne († 1757) anhand des alten gotischen Cooke-Manuskripts zusammengestellt. Dieses Manuskript ist ein Pergament englischer Bauleute von etwa 1430/1440 und enthält eine Art Sage. Daran angeheftet ist ein Buch von 1388 mit einer Anleitung zur Erfüllung der Pflichten der Bruderschaft und zu sittlich-religiösem Verhalten.
In der endgültigen Fassung wurde sie schließlich am 17. Januar 1723 von der Großloge genehmigt.
Die „Alten Pflichten“ regeln das Verhältnis der Logenmitglieder untereinander und zu ihrer nichtmaurerischen Umgebung, ferner die Verhältnisse zu Religion und Politik.
Die Etablierung dieser Konstitution – gepaart mit der fordernden Regelung, dass nur solche Logen als Freimaurerlogen gelten, die sich strikt an die Regeln dieser Konstitution halten – löste weitreichende Proteste von etablierten Logen aus, insbesondere denen in York und Schottland. Anderson fand sich inmitten einer Flut von Polemiken . Letztendlich setzten sich die „Alten Pflichten“ aber durch.
Die Haltung gegenüber dem Atheismus
In den „Alten Pflichten“ ist hier zu recht eindeutiges zu entnehmen: ein Maurer ist durch seine Berufspflicht (by his tenure) gehalten, dem Sittengesetz zu gehorchen und wenn er die Kunst recht versteht wird er nie ein törichter Atheist (stupid atheist) oder ein ungläubiger Freigeist (religious libertin) sein
Die etwas spitzfindige Auslegung, das dann ja ein intelligenter Atheist Freimaurer sein dürfe, kann in der zeitgeschichtlichen Zusammenhang nicht gelten bleiben. Die damals in England herrschende Denk beziehungsweise Glaubensrichtung des Deismus hatte keinen Platz für Atheisten.
Was ist Deismus?
Unter Deismus versteht man das verständige Fragen und Forschen im Hinblick auf Religion mit dem Bestreben alle positiven Religionen aus der einen natürlichen Religion abzuleiten.Im Deismus wird Gott als Schöpfer und Urheber des Universums betrachtet, der jedoch keine persönliche Beziehung zu den Menschen hat und sich nicht in ihr Leben einmischt.
Die Grundsätze dieser natürlichen Religion hatte Edward Herbert Cherbury in seiner 1624 erschienenen Schrift „Traktat über die Wahrheit ,wie sie sich von der Offenbarung vom Wahrscheinlichen, vom Möglichen und vom Falschen unterscheidet“ wie folgt formuliert:
- Es gibt eine höchste Gottheit.
- Diese Gottheit muss verehrt werden. Tugend und Frömmigkeit sind der Hauptteil dieser Verehrung gewesen und müssen es bleiben was Tugend ist sagt uns unser Richter das Gewissen eine Äußerung unseres natürlichen Instinkts. Wie dieser sind auch gewisse Gebote -zum Beispiel der Dekalog -von Geburt an gegeben
- Laster und Verbrechen müssen durch Reue gesühnt werden. Die Reue ist das wenn nicht höchster doch allgemeinster und erreichbarste Sakrament der Natur und der göttlichen Vorsehung. Die Reue ist also gewissermaßen das natürliche Sakrament der Religion.
- Es gibt Lohn und Strafe nach dem irdischen Leben. Über die Art und Weise aber der Unsterblichkeit die hieraus folgt sagt uns der natürliche Instinkt nichts.
Cherbury war überzeugt davon, dass es keinem Volk an diesen Grundsätzen mangelt. Dieser Glaube sei allgemein liege jeder Religionsgemeinschaft zugrunde, stelle nichts ausschließlich christliches da und entspreche dem Begriff von Religion in der alle Menschen übereinstimmen. Die „Alten Pflichten“ können aus dieser Sicht somit nicht auf ein rein christliches Glaubensbekenntnis eingeengt werden.
Müssen Freimaurer also Deisten sein beziehungsweise Anhänger der natürlichen Religion (auch wenn es sich beim Deismus um eine wahrhaft aufklärerische Denk-und Glaubensrichtung ohne Dogmen handelt)?
Nach meiner Meinung kann davon ausgegangen werden, dass die Grundforderungen der „Alten Pflichten“ noch weiter herabgesetzt sind und dass eigentlich überhaupt nicht mehr von einer Religion im engeren Sinne gesprochen werden kann. Gut oder treu oder ehrenhaft oder rechtschaffen oder wie immer die englischen Worte übersetzt werden sind wohl eher ethische als religiösen Begriffe.
Allerdings bedeutet das Wort Religion nach seinem Wortsinn auch: das was verpflichtet oder zusammenbindet grundsätzlich die Erkenntnis, dass die Welt eine Ordnung ist. Jeder Mensch, alle Wesen und Dinge sind ein Teil von ihr und jeder steht in einer bestimmten, festgelegten Beziehung zu ihr. Das auf solche Erkenntnis beruhende Handeln verläuft in Harmonie mit der gesamten kosmischen Tätigkeit.
So ist also jener religiös, der sich in verschiedenster Weise allen Wesen verbunden fühlt, während der Irreligiöse alles egozentrisch vom Standpunkt seines begrenzten Ichs und seiner Eigenen Interessen aus betrachtet, ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen und die Welt im ganzen. Der zutiefst irreligiöse Charakter einer solchen Haltung würde, wenn alle ihn annehmen, zur Verneinung des Kosmos und damit zum Chaos führen.
Darum stimmen alle Religionen in den Grundlinien der Moral über ein und halten Selbstsucht im weitesten Sinn für die Wurzel aller Sünde. Sittlichkeit ist somit die wahre Natur des Menschen.
In diesem Sinne kann kein Freimauer gemäß der „Alten Pflichten“ nie ein irreligiöser Libertinist sein, weil seine Arbeit sich ja gerade auf die Entwicklung seiner sittlichen Persönlichkeit hin ausrichtet. Was aber ist besser geeignet als das „schaue über dich“, um diese Verbindung mit dem Kosmos nicht nur intellektuell sondern auch emotional zu erleben.
Wenn man den Sternenhimmel betrachtet, steht eine Schönheit vor uns auf ,die uns entzückt und beseligt. Und es wird ein Gefühl in unserer Seele kommen ,das all unsere Leiden und Bekümmernisse majestätisch überhüllt und verstummen macht und uns eine Größe und Ruhe gibt ,der man sich andächtig und dankbar beugt. (Adalbert Stifter)
Oder um es mit einem Beispiel aus einem anderen (persischen) Kulturkreis zu sagen: „Ein Derwisch betrachtete den gestirnten Himmel und sagte: oh Gott, wenn das Dach deines Gefängnisses so schön ist, wie schön mag dann erst das Dach deines Gartens sein.“ (Fariduddin Attar um 1200).

Basic Principles
Lassen die „Alten Pflichten“ noch einen sehr weiten Interpretationsspielraum hinsichtlich der Frage des Atheismus, so sind die Basic Principles das heißt die Regeln, die von allen Freimaurerlogen eingehalten werden müssen, um von der United Grand Lodge of England anerkannt zu werden, eindeutig.
In der Version von 1989 heißt das:
free mason’s under its jurisdiction must believe in a supreme being.
Das lässt eigentlich keinen Raum mehr für Atheismus oder Agnostizismus. Jeder reguläre Freimaurer muss die Frage nach der Existenz des ABAW bejahen .
Wenn also jeder Freimauer die Frage nach der Existenz des ABAW bejahen muss und bejahen wird, so wird sich niemals jemand auf weitere Definitionsversuche einlassen.
Der Schweizer Reformator Zwingli (1484 – 1534)sagte einst
was Gott an und für sich ist, wissen wir so wenig als ein Käfer weiß, was ein Mensch ist.“
Oder um es lieber mit einem Zitat Goethes zu halten:
kein organisches Wesen entspricht ganz der Idee, die zugrundeliegt. Hinter jeder steckt eine höhere Idee. Das ist mein Gott., Das ist der Gott ,den wir alle ewig suchen und zu erschauen hoffen. Aber wir können ihn nur ahnen und nicht schauen.
Der ABAW ist nicht die persönliche Gottheit der Offenbarungsreligionen. Insoweit ist es nicht die Aufgabe der Freimaurerei hierüber Aussagen zu machen. Der persönliche Glauben, die persönliche Religio des einzelnen Freimaurers werden akzeptiert, ohne sie zum Gegenstand der Erörterung in der Loge zu machen. Alle existierenden Bekenntnisse werden respektiert.
Auch wenn sich die Gründung der Freimauerrei im christlichen Umfeld vollzog und mithin nicht im werturteilsfreien Raum, so bleibt sie doch zumindest in der freimaurerischen Lesart, der unserer Loge angehört, universell.
So ist die Bibel, die während denn rituellen Arbeiten in der Loge aufliegt durchaus auch durch andere Bücher andere Religionen ersetzbar (Koran, Veden, Taoteking) . Nicht gestattet ist das Auflegen eines sogenannten weißen Buchs, da dieses nach der herrschenden (von mir nicht geteilten) Lesart dem Widerruf des Gottesbekenntnisses gleichkäme.

„Schau über dich“
„Schau über dich“, ist keine Forderung die entsprechend des „Erkenne dich selbst“ eine direkte Erkenntnis zur Folge haben soll. Sie ist eher eine Aufforderung zum Staunen über das Wirken einer ewigen Gesetzmäßigkeit.
Das Staunen ist wiederum immer auch der Beginn eines neuen Erkenntnisprozesses oder vielleicht auch einer Ahnung, dass die Erkenntnis des eigenen Selbst ohne die Einbeziehung der Transzendenz unvollkommen bleiben muss.
Gott verbirgt sich dem Geist des Menschen aber offenbart sich seinem Herzen“ sagt der Zohar
In der Erkenntnis unserer eigenen Begrenztheit liegt die Saat der Hoffnung auf Vollkommenheit verborgen. Eine Vollkommenheit, die wir uns in ständigem Ringen und unter Einhaltung des allgemeinen Sittengesetzes auf dieser Erde zu erlangen streben. Wir sind uns dabei durchaus bewusst, dass das angestrebte Ziel, den Tempel der Humanität zu errichten, nicht hier und jetzt erreicht werden kann. Und dennoch sind wir dankbar für den Lohn, den unsere Bemühungen uns einbringen.
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