Wer der Gerechtigkeit folgen will durch dick und dünn, muß lange Stiefel haben.
Wilhelm Busch (1832-1908)
Gerechtigkeit wird als Grundnorm des menschlichen Zusammenlebens und Handelns gesehen. Sie soll das bestimmen, worauf die Menschen ein Recht haben. Gerechtigkeit ist daher eine mögliche nicht aber notwendige Eigenschaft einer gesellschaftlichen Ordnung.
In der aktuellen Debatte wird Gerechtigkeit zunehmend mit sozialer Gerechtigkeit gleichgesetzt. Doch was darunter zu verstehen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Die ARD widmete vor einigen Jahren dem Thema Gerechtigkeit sogar eine ganze Themenwoche.
Im letzten Bundestagswahlkampf wurde das Thema Gerechtigkeit breit und meist auch polemisch diskutiert. Auch dort wurde – wenig überraschend – die Gerechtigkeit in der Regel auf ihre soziale Komponente reduziert.
Wenn es bei einer Familie mit Kindern, deren Eltern arbeiten, nicht reicht, die Miete zu bezahlen, dann geht es nicht gerecht in diesem Land zu. Wenn ein Konzernchef verheerende Fehlentscheidungen trifft und dafür noch Millionen an Boni einkassiert, dann geht es in diesem Land nicht gerecht zu. (Martin Schulz).
Die Bürger werden von der Politik aufgefordert Gerechtigkeit neu zu denken. Es werden aktuell Facetten der Gerechtigkeit erörtert, die noch vor Jahrzehnten unbekannt waren.
Verursacherprinzip oder Verantwortungsprinzip?
Das Konzept der Geschlechtergerechtigkeit strebt eine ausgewogene Geschlechterordnung an. Im Zentrum dieses gesellschaftlichen Diskurses steht die Anerkennung der Unterschiede, die sich aus dem Geschlecht ergeben, sowie die Beachtung der individuellen Rechte auf Gleichheit und Einzigartigkeit. Die politischen, terminologischen und wissenschaftlichen Anstrengungen, die in Richtung Geschlechtergerechtigkeit unternommen werden, werden heutzutage oft unter dem Begriff Gender-Mainstreaming zusammengefasst.
Es ist jedoch umstritten, wann eine Geschlechterordnung als gerecht anzusehen ist. Das gilt insbesondere auch bei der Frage, ob Parlamente nach Geschlechterproporz besetzt werden sollen. Denn welche weitere Identität dürfte sich dann künftig neben der geschlechtlichen der Proporz-Repräsentanz erfreuen? Kommt als Nächstes eine Wahllistenregel für Bürger mit Migrationshintergrund? Auch wäre mit gleicher Begründung die religiöse Zugehörigkeit auf Wahllisten abzubilden: Protestanten, Katholiken, Muslime, Atheisten.
Klimagerechtigkeit stellt ein normatives politisches Konzept dar, das sich insbesondere auf die gerechte Verteilung der globalen Treibhausgasemissionen und die Auswirkungen der globalen Erwärmung konzentriert. Dieser Ansatz zielt darauf ab, die Emissionen drastisch zu reduzieren und gleichzeitig eine gerechte Verteilung der Auswirkungen der globalen Erwärmung unter Berücksichtigung des Verursacherprinzips zu gewährleisten.
Es wird angenommen, dass die Bevölkerungsgruppen, die am wenigsten zur Erderwärmung beitragen, am stärksten unter ihren Folgen leiden. Dieser Nachteil soll durch Transferzahlungen, wie zum Beispiel den Kauf von Klimazertifikaten, ausgeglichen werden. Der Fokus liegt hierbei oft auf dem historischen Verantwortungsprinzip.
Wenn man das Verantwortungsprinzip kausal interpretiert, sollte es sich auf den tatsächlichen Schaden durch den Klimawandel beziehen. Das kausale Schadensprinzip wirft jedoch mehrere Probleme auf, insbesondere in Bezug auf die Feststellung des anthropogenen Anteils am Klimawandel und die Frage, ob Kollektive moralisch verantwortlich gemacht werden können.
Interpretiert man das Verantwortungsprinzip kausal, so sollte es beim Klimawandel auf den effektiven Schaden gerichtet sein. Als kausales Schadensprinzip stößt die historische Verantwortung aber auf eine Vielzahl von Schwierigkeiten. Denn die moralisch relevante Kausalität, also der anthropogene Anteil im Klimawandel ist kaum zu ermitteln Auch handelt es sich um eine Kausalität durch frühere Generationen, also durch Kollektive. Können Kollektive moralisch verantwortlich sein?
Des Weiteren waren sich frühere Generationen über die Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst. Warum sollten heutige Einzelpersonen für die Taten unbekannter Individuen der Vergangenheit verantwortlich gemacht werden? Die Fragen, die diese Debatte aufwirft, bleiben bisher ohne befriedigende Antworten.
Ein Mensch ist in diesem Kontext dann gerecht, wenn sein Verhalten einer Ordnung entspricht, die gerecht ist. Wann ist aber eine Ordnung gerecht?
Wenn Sie alle darin lebenden Menschen befriedigt, so dass sie darin ihr Glück finden? Das kann so lange nicht funktionieren, als individuelles Glück gemeint ist. Wenn man aber nur die Befriedigung eines kollektiven Glückes wie Nahrung, Wohnung, Kleidung usw. als anstrebt, also das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl, steht dies im Widerspruch zum tief im Herzen des Menschen verwurzelten Wunsches nach individuellem Glück.
Doch statt dem Vorteil einzelner oder bestimmter Interessengruppen zu dienen, soll Gerechtigkeit ja gerade einen Ausgleich schaffen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Wertvorstellungen.
Gibt es eine Wertehierarchie?
Doch wie gestaltet sich die Hierarchie dieser Werte, deren Ausgleich das Kernziel darstellt? Die Beantwortung der Frage, ob Freiheit oder Gleichheit, Leben oder Sicherheit, Wahrhaftigkeit oder Menschlichkeit als höherwertig zu betrachten sind, wird vielfältige Antworten hervorbringen. Ein gläubiger Christ oder Muslim etwa, wird sein Seelenheil über weltliche Güter stellen. Ein Materialist hingegen wird diesem Ranking vermutlich nicht zustimmen. Sozialisten und Liberale könnten die Werte von Freiheit oder Sicherheit auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren. Dies impliziert jedoch keineswegs, dass jedes Individuum über verschiedene Wertesysteme verfügt. Vielmehr entwickelt sich ein solches System innerhalb einer bestimmten Gruppe durch gegenseitigen Einfluss – sei es Familie, Berufsstand oder Clan – und innerhalb eines gegebenen, sich stets verändernden ökonomischen Rahmens.
Die Frage nach dem höchsten Wert lässt sich oft nicht auf rationaler Ebene klären, sondern bleibt eine Angelegenheit subjektiver Interpretation. Obwohl stets Bemühungen unternommen werden, diese Subjektivität durch rationale Argumente zu untermauern, bleibt die Komplexität der Thematik bestehen. Wenn man das Konzept der gesellschaftlichen Gerechtigkeit betrachtet und versucht zu ergründen, ob eine bestimmte Maßnahme zur Förderung von Gerechtigkeit beiträgt, stößt man auf ähnliche Schwierigkeiten. Es fehlt häufig ein geeignetes Umfeld, in dem man solche Fragen durch soziale Experimente klar und eindeutig beantworten könnte. Dies wird beispielsweise deutlich, wenn man den Mangel an validen Daten betrachtet, die beweisen, ob staatlich regulierte Mieten tatsächlich zu einer verbesserten Wohnsituation für Familien führen oder ob sie im Gegenteil eine Verknappung des Wohnungsangebots zur Folge haben könnten.
Die Diskussion über entsprechende, und meist von den jeweiligen Interessenverbänden angefertigte Prognosen, endet meist in politischen Glaubensbekundungen. Denn das Bedürfnis nach Rechtfertigung der eigenen Überzeugung ist immer stärker als die rationale Begründung und führt nur allzu oft unmittelbar in die Religion und Metaphysik, in der die Gerechtigkeit in eine transzendente Welt verlegt und zur Eigenschaft einer übermenschlichen Autorität oder Gottheit bzw. der Mutter Natur wird.

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Bei Platon, dem typischen Vertreter eines metaphysischen Ansatzes, ist das Thema Gerechtigkeit der zentrale Punkt seiner ganzen Philosophie. In seiner Ideenlehre fällt die Frage nach der Gerechtigkeit mit der des Guten zusammen. Die Hauptidee, der alle anderen untergeordnet sind, ist die Idee es absolut Guten, dem er auch die Gerechtigkeit zuordnet.
Platon vertrat konsequenterweise die Ansicht, dass nur der Gerechte glücklich sein kann, der Ungerechte aber notwendigerweise unglücklich sein müsse. Eine Regierung sei auch dann verpflichtet, diese Lehre zu verbreiten, wenn sie falsch sei. Sonst würde niemand sich an die Gesetze halten.
Aristoteles entwickelte in seiner Ethik die Mesotes Lehre. Mesotes bezeichnet laut Aristoteles die Stellung einer Tugend zwischen zwei einander entgegengesetzten Lastern, dem „Übermaß“ und dem „Mangel“. So sei z.B. die Tapferkeit die Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit. Die Gerechtigkeit ist danach die Mitte zwischen „Unrecht-Tun“ und „Unrecht-Leiden“. Das ist aber widersprüchlich, denn Unrecht, das man tut oder erleidet sind nicht zwei Laster, sondern ein und dasselbe Unrecht.
Die Befürworter des rationalen Ansatzes postulieren, dass Gerechtigkeit in der Gewährleistung dessen besteht, was jedem Einzelnen zusteht. Dieses Konzept findet sich vornehmlich in der klassischen Rechtsphilosophie wieder, jedoch bleibt die konkrete Definition von „das Seine“ zumeist aus. Es handelt sich hierbei nicht um einen universal gültigen Wert, sondern um ein Konzept, das von erheblichen Unterschieden in der Geschichte und den Kulturen geprägt ist. Was beispielsweise Erwachsenen, Kindern, Senioren und Ehepartnern zusteht, variiert erheblich.
Die verschiedenen Interpretationen des Naturrechts bezüglich Gerechtigkeit und einer gerechten Gesellschaft stellen sich oftmals als widersprüchlich dar. Zum Beispiel gibt es Anhänger des Naturrechts, die die absolute Monarchie als einzige natürlich und gerechte Staatsform erachten, wie es Filmer postuliert. Im Gegensatz dazu argumentieren andere Vertreter wie Locke mit der gleichen Methodik, dass die Monarchie keineswegs als Staatsform anerkannt werden kann und lediglich die Demokratie diese Bezeichnung verdient.
Nach Kants kategorischem Imperativ ist menschliches Verhalten dann gut oder gerecht, wenn es durch Normen bestimmt ist, von denen der handelnde Mensch wünschen kann oder soll, dass sie für alle Menschen verbindlich seien. Aber welches sind diese Normen? Hierauf gibt der kategorische Imperativ keine Antwort. Der kategorische Imperativ ist weniger eine von Kant aufgestellte moralische Regel sondern das Ergebnis einer Analyse der bereits vorhandenen menschlichen Moral. Fast jede Vorschrift jeder beliebigen Gesellschaftsordnung ist mit dem kategorischen Imperativ theoretisch vereinbar, der letztlich nur sagt, dass der Mensch im Einklang mit generellen Normen leben soll.
Auch über das, was alle vernünftigerweise Wollen lässt sich viel streiten. In der heutigen Zeit, in der vielfältige unterschiedliche Meinungen als gleichwertig akzeptiert werden, ist das keinesfalls so eindeutig, wie von Kant gedacht.
Patons Herleitung der Gerechtigkeit aus der Ideenlehre ist in sich schlüssig, macht es aber erforderlich, an deren ideelle bzw. transzendente Voraussetzung zu glauben.
Alle Versuche auf rationalem Wege eine absolut gültige Norm gerechten Handeln zu finden, sind ausweglos, da es nicht gelingt die Möglichkeit auszuschließen, auch das gegenteilige Verhalten für gerecht zu halten. (Sowohl „Du sollst nicht lügen“, als auch „Du sollst Menschen in Lebensgefahr retten“ sind nach Kant wahr. Was aber, wenn man einen Menschen in Lebensgefahr nur retten kann, wenn man lügt? Etwa weil man einem Auftragsmörder sagt, das Opfer sei nicht zuhause? Hier zeigen sich die Schwächen des kategorischen Imperativs, weil beide Handlungen richtig sind und man eine Handlung bevorzugen muss.)
Die menschliche Vernunft kann nur relative Werte begreifen. Niemand, der mit dem Anspruch auftritt, eine Sache für gerecht zu erklären, kann die Richtigkeit eines entgegengesetzten Werturteils ausschließen. Absolute Gerechtigkeit mag ein Traum der Menschheit sein und bleiben. Vom Standpunkt rationaler Erkenntnis gibt es nur eine relative Gerechtigkeit nur menschliche Interessen und Interessenkonflikte, die letztlich in Kompromissen gelöst werden müssen. Voraussetzung dafür sind Gedankenfreiheit, Toleranz und Frieden in einer positiven Rechtsordnung. Ohne Ordnung keine auch nur relative Gerechtigkeit, könnte man sagen.
Gerechte unter den Völkern
Dies ist die höchste Auszeichnung, die Israel an Nicht-Juden vergeben kann. Bis heute haben mehr als 20.000 Frauen und Männer, die unter der NS Herrschaft ihr Leben eingesetzt haben um Juden zu retten, diesen Ehrentitel erhalten.Nehama Tec, die viele Geschichten von Gerechten unter den Völkern untersucht hat, fand ein Bündel gemeinsamer Charaktereigenschaften sowie persönliche Prägungen wie Zurückgezogenheit, Einzelgängertum oder Außenseitertum. Die Unabhängigkeit der Retter machte es ihnen möglich, entgegen den akzeptierten Konventionen und Ansichten zu handeln.
Wenn ich an der Möglichkeit eines gerechten Lebens verzweifeln will, denke ich weniger an politische und philosophische Versuche zur Lösung dieser Frage, sondern an die Vorbildfunktion dieser mutigen Menschen.
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