Ethics practice

Einübungsethik

Freimaurerische Ansätze

Beim Eintauchen in die faszinierende Welt der Freimaurerei ist es ratsam, mit einem aufgeschlossenen aber auch kritischen Geist vorzugehen. Unterschiedliche Darstellungen bieten eine farbenfrohe Palette von Perspektiven, die alle ihren eigenen einzigartigen Farbton haben. Durch Mustererkennung in Wiederholungen, Übereinstimmungen, Betonungen und Unterstreichungen, können Sie das wahre Wesen der Freimaurerei entdecken. Aber auch die Unterschiede in den persönlichen Interpretationen zeigen, wie vielfältig die Erfahrungen innerhalb dieser geheimnisvollen Bruderschaft sein können.

Das Geheimnis der Freimaurerei zu entschlüsseln ist eine komplexe Aufgabe – global wie lokal gibt es unzählige Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Selbst auf Ebene der einzelnen Loge und des individuellen Bruders treten diverse Nuancen auf. Es ist eine Welt, die sich kaum in einem einzigen Artikel erfassen lässt. 

Dennoch soll nachfolgend versucht werden, ein wenig Licht in dieses Mysterium zu bringen.

Annäherung an die Freimaurerei

Man kann sich der Freimaurerei annähern, wenn man sie zunächst als Dreiklang aus Geselligkeit Freundschaft – Ethik Werten und Ritualen betrachtet. Hans Hermann Höhmann führt dies in mehreren Passagen seiner Bücher ( deren Lektüre ich empfehlen kann) und Vorträgen aus.

Lassen Sie uns den besonderen Ton der Ethik und Werte aufnehmen, ihn darstellen und diskutieren. Es ist dabei allerdings sehr wichtig, immer im Blick zu haben, dass diese Elemente nur zusammen eine Melodie ergeben, genau wie in einer Symphonie. Genauso wie einzelne Noten oder Harmonien keine Symphonie ergeben, wenn sie isoliert gespielt werden, ist auch die Freimaurerei mehr als die Summe ihrer Teile. In der gleichen Weise, wie Theorien ohne Praxis und Partituren ohne Opern leer sind, können unsere Versuche, die Freimaurerei zu erklären, niemals das volle Potential und die volle Erfahrung der Freimaurerei vorwegnehmen. 

Ethik und Werte

Nun aber zum Thema Ethik und Werte. Meine philosophisch vorbelasteten Leser mögen mir verzeihen, wenn ich an dieser Stelle keinen Exkurs in die Philosophie starte. Ich werde nichts sagen zur nikomachischen Ethik des Aristoteles, in der eigentlich schon alles enthalten ist, nichts zu Thomas von Aquin , nichts zur goldenen Regel und dem kategorischen Imperativ. Einübungsethik ad usum delphini sozusagen.

Ethics ist ein Bereich der Philosophie, der sich mit der Frage beschäftigt, was richtig und was falsch ist. Es geht um die moralischen Grundsätze, die unser Verhalten beeinflussen. Ethik versucht, Regeln und Prinzipien zu entwickeln, die uns helfen, ethisch korrekt zu handeln und unsere Handlungen zu rechtfertigen. Es geht darum, wie wir als Menschen miteinander umgehen sollten, welche Werte wir haben und wie wir unser Verhalten gegenüber anderen und der Welt um uns herum begründen können.

Werte hingegen beziehen sich auf die Überzeugungen und Ideale, die wir als Individuen oder als Gesellschaft oder eben auch als Freimaurer haben. Werte sind die Prinzipien, die wir als wichtig erachten und die unser Verhalten und unsere Entscheidungen beeinflussen.

Ein wichtiger Unterschied zwischen Ethik und Werten besteht darin, dass Ethik eher auf Handlungen und Entscheidungen abzielt, während Werte eher auf Überzeugungen und Ideale abzielen.

Insgesamt sind Ethik und Werte jedoch eng miteinander verbunden, da unsere Werte unsere ethischen Überlegungen und Entscheidungen beeinflussen und umgekehrt.

Beim Durchstöbern der Literatur zur faszinierenden Welt der Freimaurer, wird man unweigerlich auf die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität treffen.

In der freimaurerischen Ordnung der AFAM sind folgende Grundwerte der Freimaurerei aufgeführt: Humanität, Brüderlichkeit, Menschenliebe und Toleranz. Wobei Humanität eigentlich eher als Oberbegriff oder als Ideal verstanden werden muss, welches durch Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit erreicht werden soll.

In den alten Pflichten von 1723 steht im ersten Kapitel, das sich mit Gott und Religion beschäftigt, wenig dazu. Man liest nur, dass ein Freimaurer verpflichtet ist, dem allgemeinen Sittengesetz  zu folgen. Nach meiner Auslegung bezieht sich das allgemeine Sittengesetz auf die damals als allgemein gültig angesehenen Kardinaltugenden. Das sind vier grundlegende Tugenden, die im christlichen und philosophischen Denken eine wichtige Rolle spielen. Es handelt sich um folgende Tugenden:

·        Klugheit/Weisheit: Dies bezieht sich auf die Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen und vernünftige Urteile zu fällen. Es bezieht sich auch auf die Fähigkeit, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden.

·        Gerechtigkeit: Dies bezieht sich auf die Fähigkeit, das Richtige zu tun und anderen das zu geben, was ihnen zusteht. Es bezieht sich auch auf die Fähigkeit, fair und gleichberechtigt zu handeln.

·        Tapferkeit/Mut: Dies bezieht sich auf die Fähigkeit, in schwierigen oder gefährlichen Situationen standhaft zu bleiben und das Richtige zu tun, selbst wenn es unangenehm oder riskant ist.

·        Mäßigung: Dies bezieht sich auf die Fähigkeit, selbstbeherrscht zu sein und sich zu mäßigen, um übermäßigen Konsum oder Verhaltensweisen vorzubeugen.

Die ethischen Werte der traditionellen Freimaurerei sind insoweit zwar recht unbestimmt aber damit eben auch sehr offen. Die Freimaurerei hat nie ein konkretes Programm ethischer Werte oder Regeln definiert, das etwa als Grundlage eines politischen Programms dienen könnte.

Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind aber gleichzeitig auch so allumfassend und inklusiv, wie man heute sagen würde, dass sie unabhängig von historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten Grundlage für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen sein könnten.

Die Freimaurer bieten damit eine Plattform für eine globale Arbeitsstätte aller Menschen guten Willens. Jeder Bruder ist aufgefordert, diese allgemeinen Werte durch Selbstreflexion und Austausch mit den anderen Brüdern zu einzuüben und zu praktizieren.

Ethics practice

Ethisches Verhalten kann eintrainiert und entwickelt werden. Es ist ähnlich wie bei jeder anderen Fähigkeit, die man erwerben möchte. Ethik wird in der Regel als Teil des Charakters einer Person betrachtet, aber sie ist auch eine Fähigkeit, die man durch Übung und Training verbessern kann.

Ethisches Verhalten beinhaltet die Fähigkeit, moralische Entscheidungen zu treffen, und dazu gehört auch die Fähigkeit, die Konsequenzen von Handlungen abzuschätzen, empathisch zu sein und die Perspektive anderer Menschen zu verstehen. All diese Fähigkeiten können durch Übung und Training verbessert werden. Das gilt nicht nur für die Freimaurerei. Auch viele große Wirtschaftsunternehmen bieten ihren Mitarbeitern entsprechende Workshops an. Hier wird u.a. durch Rollenspiele versucht ethisches Verhalten zu vermitteln.

Die Art und Weise, wie die Freimaurerei diese ethischen Werte vermittelt und einübt, sind allerdings einzigartig.

Die freimaurerische Kernkompetenz, die Arbeit am rauen Stein, also an sich selbst, setzt natürlich voraus, dass jeder Bruder für sich selbst versucht, sich dem Thema ethisches Verhalten die auf ihm gemäße Weise anzunähern.

Kommen wir aber an dieser Stelle nochmals zurück auf den bereits erwähnten Dreiklang aus Ethik Werten – Geselligkeit Freundschaft – und Ritualen.

Nichts geht über das laut Denken mit einem Freunde also der Ton Geselligkeit und Freundschaft.

Lessing – Ernst und Falk

In den Logen wird versucht, das Ziel dadurch zu erreichen , dass sich die Brüder immer aufs Neue gegenseitig in Theorien und Vorträgen mit ethischen Themen intellektuell auseinandersetzen, um gemeinsam eine Motivation für ein ethisches Verhalten und ein gelingendes Leben zu finden.

Da Freimaurer nicht nur einen gedanklichen Austausch betreiben, sondern auch versuchen konkret brüderlich untereinander zu agieren, erleben sie recht schnell einen Realitätscheck ihrer eigenen Idealvorstellungen. Dieser hilft ihnen , die abstrakten Ideale zu konkretisieren und ihr Verhalten an ihren individuellen Zielvorstellungen und den Erwartungen der anderen Brüder besser auszurichten. Das eigene Verhalten, nicht das der Brüder.

Aber die Brüderlichkeit soll sich natürlich nicht nur auf das Verhalten innerhalb der Loge begrenzen. Das Ziel, der Bau des Tempels der Humanität, kann nur dann erreicht werden, wenn die Bruderliebe zur allgemeinen Menschenliebe wird.

Freimaurer betrachten das Ganze aus einer praktischen Perspektive. Selbst wenn ein Christ jeden Tag den Gottesdienst besucht, wird er ohne die Ausübung der Nächstenliebe nie ein wahrhaft guter Christ sein. In der humanitären Freimaurerei spielt der konfessionelle Glaube eine untergeordnete Rolle. Was wirklich zählt, sind die Taten – das Streben, aus einer tief verwurzelten humanen Ethik heraus, echte Humanität zu verwirklichen.

Das freimaurerische Ritual

Vermittelt wird diese humane Ethik in der Loge sehr maßgeblich im Ritual . Wir kommen hier also zum dritten Ton des Dreiklangs.

Das Ritual ist nicht nur die Grundlage der Freimaurerei, sondern auch die wesentliche Unterscheidung gegenüber allen anderen nichtkirchlichen Gemeinschaften, Verbänden, Bünden, Vereinigungen. Die rituellen Arbeiten und die darin verwendeten Symbole stellen die gemeinsame Basis aller Freimaurer der Erde dar. Sie dienen als jedermann verbindliches Bindeglied auch dort, wo Menschen verschiedener Sprachen zusammenkommen.

Was ist ein Ritual? Es ist der feierliche Ablauf des Geschehens im Tempel (Tempelarbeit) und vermittelt die freimaurerische Lehre in besonderer zeremonieller Form, vor allem in Symbolen und symbolischen Handlungen sowie in Wechselgesprächen zwischen dem Meister vom Stuhl und den beiden Aufsehern.

Das Ritual enthält Erkenntnisse und Erfahrungen der Menschheitsgeschichte, die zeitlos sind und durch diese gebundene Form der Nachwelt weitergegeben werden.

Über den konkreten Inhalt und den Ablauf des freimaurerischen Rituals kann an dieser Stelle natürlich nichts gesagt werden. Wohl aber über seine Bedeutung für die ethische Entwicklung.

Das Ritual hilft dabei ethische Werte zu internalisieren und zu habitualisieren also zu Gewohnheiten zu machen. Das Ritual unterscheidet die Freimaurer von anderen Gruppierungen mit ethischen Zielsetzungen. Es richtet sich an die emotionale und spirituelle Seite des Bruders. Es ist ein Mittel der Kommunikation, weist auf Pfade der Reflexion, öffnet den Geist und lehrt durch Symbole und rituelle Handlungen. Nur so erreicht die Freimaurerei den Verstand und das Herz des Bruders.

Das Ritual ist aber immer auch auf die Rückkehr in die Welt ausgerichtet. Auf diese Weise beeinflusst es auch das Verhalten im täglichen Leben.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Freimaurer Ethik im Übungsfeld Loge praktisch anwenden und regelmäßig trainieren um sie dann auch im Alltag leben zu können. Die geübte praktizierte und somit erprobte Bruderliebe soll letztlich zur allgemeinen Menschenliebe werden.

J.B. Roehrle Avatar

3 responses to “Einübungsethik”

  1. […] einem freimaurerischen Ritual wird gefragt, ob man für seine Arbeit entlohnt worden sei, und die Antwort lautet: „ich bin […]

  2. […] erfahrener Freimaurer war sich Twain der Bedeutung symbolischer Darstellungen, Rituale, ethischer Grundsätze und des […]

  3. […] freimaurerische Ethik im Übungsfeld Loge praktisch anwenden und regelmäßig trainieren um sie dann auch im Alltag leben […]

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J.B. Röhrle

The author is an entrepreneur, lawyer, and humanist. He has been active in various roles within Freemasonry for over two decades. He would like to know what holds the world together at its core, but he doesn't know. Possibly also because he didn't pay close attention in high school physics class. Instead, during that time, he wrote love poems without much success. The poems are no longer findable and are presumably lost to posterity forever.

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